Quantex Insights: Moleküle statt Dollars

Peter Frech

Im Tausch gegen ihr Öl haben die Golfstaaten während Jahrzehnten Dollars gehortet. Asiatische Länder haben Dollar-Reserven angehäuft, um damit nach Bedarf Rohstoffe zu kaufen. Doch mit dem Irankrieg und der Unfähigkeit der USA, den freien Seehandel zu garantieren, wird dieses System hinfällig. Für die meisten Länder macht es mehr Sinn, in Zukunft direkt Rohstoffe und Gold anstatt Dollars zu horten.

Die Pfeiler der globalen Nachkriegsordnung und des Weltfinanzsystems fallen diese Tage gleich reihenweise. Einer dieser Pfeiler war das Petrodollar-System: Saudi-Arabien und die Golfstaaten hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zerfall des britischen Empires mit der neuen Schutzmacht USA darauf geeinigt, ihr Öl gegen Dollars zu verkaufen. Die Petrodollars aus den Exportüberschüssen wurden dann als Reserven in liquide US-Staatsanleihen und andere Dollar-Vermögenswerte angelegt. Sie werden aktuell auf 5600 Milliarden Dollar geschätzt.

Auch asiatische Nationen wie Japan, Südkorea und Taiwan übernahmen dieses System und bunkerten über die Jahre riesige Dollar-Reserven aus ihren industriellen Exportüberschüssen. Die USA profitierten vom Privileg, die Reservewährung erster Wahl zu sein, in der Form von tiefen Finanzierungskosten für den Staat und willigen Investoren für die Wirtschaft.

Doch die ganze Kette des alten Petrodollar-Systems ist zerbrochen: Bereits vor dem Irankrieg wurde das meiste Öl aus dem Nahen Osten nach China und Asien verkauft, da die USA in Sachen fossiler Energie durch den Shale-Boom zum Selbstversorger wurden. Der Verkauf von Öl wurde zunehmend in chinesischen Yuan abgewickelt.

Das Ende des freien Seehandels

Der Irankrieg und die Schliessung der Strasse von Hormus aus dem Persischen Golf machte aber die gravierendste Veränderung für die ganze Welt offenbar: Die US Navy ist im Zeitalter der Drohnenkriegsführung nicht mehr in der Lage, den freien Seehandel zu garantieren. Diese «Freedom of Navigation» war seit dem Zweiten Weltkrieg das oberste strategische Ziel der amerikanischen Flotte. Die USA übernahmen diese historische Rolle von den Briten. Offene Seewege sind für Seemächte entscheidend, um im Wettstreit mit Kontinentalmächten wie China, Russland oder dem einstigen Deutschen Kaiserreich bestehen zu können.

Zielgenaue Schwärme von billigen Drohnen und Ballistischen Raketen haben dem Iran ein Mittel in die Hand gegeben, die Strasse von Hormus faktisch zu kontrollieren und die US Navy auf Distanz zu halten. Zuvor war dies teilweise schon den Huthis im Roten Meer gelungen – sowie der Ukraine, welche die russische Schwarzmeerflotte zur Bedeutungslosigkeit degradierte. Gleichzeitig ermöglichen die Drohnen dem Iran, trotz totaler Luftunterlegenheit auf breiter Front gegen die USA und ihre Verbündeten am Golf zurückzuschlagen. Präzise wurden Raffinerien, Gas-Verflüssigungsanlagen, Öl-Tanker, Radarstationen und Tankflugzeuge am Boden zerstört.

Vom Weltpolizisten zum Aggressor

Der dritte Faktor ist die Tatsache, dass die USA nicht mehr als neutraler Weltpolizist und Garant der internationalen Ordnung auftreten, sondern zunehmend als Aggressor im Kampf um «Einfluss-Sphären».


Die Drohungen betreffend Grönland, der Regime-Wechsel in Venezuela und das Kapern von Tankschiffen nach Kuba sowie der jüngste Angriff auf den Iran haben das Vertrauen in die Vereinigten Staaten und damit den Dollar untergraben.

Seit der Beschlagnahmung der russischen Währungsreserven 2022 bringen grosse Dollar-Bestände einer Zentralbank immer auch die Gefahr mit sich, dass diese als Druck- und Sanktionsmittel gegen einen verwendet werden.

Welchen Sinn macht es in einem solchen Umfeld für die Golfstaaten, asiatische Industrienationen oder auch die Europäer noch, in grossem Umfang Dollar-Reserven anzuhäufen? Offensichtlich immer weniger, wie der schwindende Anteil des «Greenbacks» in den Reservebeständen der Notenbanken zeigt (siehe Grafik unten).

Dollarreserve
Die Grafik zeigt den prozentualen Anteil des Dollars an den gesamten Währungs- und Goldreserven der Zentralbanken der Welt. (Quelle: Bloomberg)

Gold ist inzwischen der grösste Bestandteil der internationalen Währungsreserven. Das gelbe Metall ist ein historisch bewährter Vermögenswert, der weder beschlagnahmt oder sanktioniert noch beliebig vermehrt werden kann.

Wie Europäer und Asiaten derzeit schmerzhaft herausfinden, kann man mit Dollar-Reserven in einer Krise nicht mehr einfach nach Belieben Rohstoffe kaufen. Der Fluss von Öl, Gas, Diesel, Kerosin und Düngemitteln aus dem Persischen Golf bleibt unterbrochen. Schon einige Länder sind aus der Not dazu übergangen, einzelne dieser Rohstoffe zu rationieren. Versuchen die Regierungen, die Kosten für Wähler und Wirtschaft mit Geldgeschenken, Energie-Subventionen oder Steuerabzügen zu erleichtern, wird wie 2021/22 noch mehr Inflation die logische Folge sein.

«Man kann keine Moleküle drucken», bringt es der Rohstoff-Analyst Jeff Currie von Carlyle Energy Partners auf den Punkt. Und je länger, je weniger kann man sie auch mit gehorteten Dollars kaufen.

Die Lager sind leer

Anstatt Dollars mehr kritische Rohstoffe zu horten, ist deshalb die logische Konsequenz aus der neuen Weltlage. China ist schon seit Jahren auf diesem Kurs und verfügt neben riesigen Getreidevorräten auch über die grössten Öllager der Welt. Die USA und andere westliche Länder sind dagegen gerade dabei, ihre strategischen Reserven zwecks Schockmilderung weiter abzubauen. Schon 2022 hatten die USA unter Biden die Hälfte ihrer Ölreserven mit Blick auf die Zwischenwahlen verkauft und nie wieder aufgefüllt.

Seit die Zinsen 2022 stark gestiegen sind, haben aber auch viele private Akteure ihre Lager an Öl und anderen Rohstoffen reduziert. So sind gemäss den Experten von Macrostrategy etwa die Stahlvorräte in der EU nur noch ein Fünftel so hoch wie vor 2022. Der Preisschock nach COVID wurde von den allermeisten als einmaliges Ereignis abgebucht. Doch es sieht derzeit nicht danach aus, als ob die alte Weltordnung mit freiem Seehandel, tiefer Inflation und kluger Finanzpolitik so bald zurückkehren wird.

Konklusion für Investoren

Privatinvestoren sollten deshalb ihr Depot auch gegen potenzielle Inflationsschocks absichern. Die erste Wahl dafür sind Rohstoff-Futures, da diese die Preisanstiege direkt dem Anleger weitergeben. Im Quantex Multi Asset ist deshalb immer rund ein Viertel des Portfolios in Rohstoffe investiert.

Die Aktien von Rohstoffproduzenten können ein Schutzinstrument sein, weisen jedoch auch firmenspezifische Gefahren auf: höhere Input-Kosten, Sondersteuern oder Produktionsunterbrüche bis hin zu Enteignungen könnten den Aktionären auch die Freude an höheren Rohstoffpreisen verderben. Es gilt im Einzelfall genau hinzuschauen, wo die Produktion der Firma herkommt und wie sicher diese vor kriegerischen Ereignissen oder staatlichen Eingriffen ist.

Themen

  • Anlagestrategie
  • Rohstoffe

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