Quantex Insights: Die Roboterkriege

Peter Frech

Die Konflikte der Zukunft werden von Robotern entschieden. Nicht nur von autonomen Waffensystemen auf dem Schlachtfeld, sondern vor allem auch durch eine roboterisierte Industrieproduktion für den Nachschub. China eilt westlichen Firmen in Sachen Robotern zunehmend voraus. Dies hat neben den militärischen auch wirtschaftliche Konsequenzen. Ganze Industriezweige wie der Autobau drohen von Chinas Roboterfabriken plattgemacht zu werden.


«Das war das Demütigendste, was ich je gesehen habe», sagte Ford-CEO Jim Farley gemäss «Business Insider», nachdem er chinesische Roboterfabriken besichtigt hatte.

Anders als in Fords Fabriken, wo immer noch viel von Hand geschraubt wird, läuft in China die Produktion neuster Elektroautos weitgehend automatisch in so genannten «Dark Factories»: Da keine Menschen mehr darin arbeiten, braucht es nur für die Industrieroboter auch keine richtige Beleuchtung mehr.

Die Kosten und die Qualität der chinesischen Elektrofahrzeuge seien inzwischen «bei weitem besser als was ich im Westen sehe», sagt Farley, der seit einigen Monaten probeweise einen extra für ihn eingeflogenen Xiaomi SU7 fährt und ihn gemäss eigenen Aussagen nicht mehr hergeben will.

Deutlich tiefere Preise bei besserer Qualität und Reichweite führen dazu, dass chinesische Elektroautos überall Marktanteile gewinnen. Europa und die USA versuchen noch, sich mit Zöllen vor der Flut chinesischer Autos zu schützen. Doch auf dem freien Weltmarkt ist die Schlacht längst verloren.

In Schwellenländern wie Brasilien haben chinesische Hersteller bereits einen Marktanteil von 90%. Gleichzeitig verlieren westliche Autobauer rapide Anteile am chinesischen Fahrzeugmarkt, dem grössten der Welt. In anderen Industriebereichen läuft der Trend in die gleiche Richtung.

Dark Factory
Eine «Dark Factory» des chinesischen Smartphone- und Elektroauto-Herstellers Xiaomi. (Quelle: news.com.au)

China baut seinen Vorsprung in der Roboterisierung der Industrieproduktion rasch aus. Seit geraumer Zeit werden im Reich der Mitte Jahr für Jahr mehr Roboter installiert als im Rest der Welt zusammen. 2024 waren es 295'000 und damit rund zehn Mal so viele wie etwa in Deutschland oder den USA (siehe Grafik unten). Die Roboterdichte im Fertigungsprozess ist in China inzwischen doppelt so hoch wie in der EU.

Roboterinstallation
Die Zahl der 2024 installierten Industrieroboter nach Land. China stellte mehr Roboter in den Betrieb als der Rest der Welt zusammen. (Quelle:Bloomberg)

Die Armee der Roboter wird zudem vermehrt in China selbst hergestellt. Während noch vor sieben Jahren die grosse Mehrheit der neu installierten Roboter von Anbietern wie ABB oder der japanischen Fanuc gekauft werden mussten, stammen heute schon 57% aus chinesischer Produktion (siehe Grafik unten). Das Land kann nun seine rapide Roboterisierung aus eigener Kraft vorantreiben. Der nächste Schritt wird ein weltweiter Verdrängungskampf gegen westliche und japanische Anbieter von Industrierobotern sein. Da überrascht es nicht, dass ABB jüngst den Verkauf dieser weniger profitablen Geschäftssparte angekündigt hat.

Roboterproduktion
Die Grafik zeigt den steigenden Anteil der in China installierten Industrieroboter aus heimischer Produktion in Blau. (Quelle: Bloomberg)

Geht dieser Trend weiter, werden die Chinesen mit der Robotik ein weiteres High-Tech-Geschäftsfeld der Zukunft dominieren. Doch worin liegen die Ursachen der wachsenden chinesischen Dominanz im globalen Industriesektor? Drei Gründe liegen auf der Hand:

Drei Gründe für Chinas Dominanz

  1. China bildet Jahr für Jahr mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure aus als die gesamte westliche Welt und rund vier Mal so viele wie die USA. Wobei es sich bei nicht wenigen Diplomanden an den US-Unis ebenfalls um Chinesen handelt. Westlichen Studenten fehlt das Interesse an Ingenieurswissenschaften – oder aber die Berufsaussichten für diese Studiengänge sind zu schlecht.

  2. China ist die absolute Elektro-Supermacht der Welt und verfügt über billigen Strom im Überfluss – primär nach wie vor aus Kohlekraft. Die Volksrepublik erzeugt total bereits drei Mal mehr Strom als die USA. Vor allem aber wird kräftig Kapazität dazu gebaut. Im vergangenen Jahr waren dies 426 Gigawatt gegenüber mickrigen 30 Gigawatt an neuer Stromerzeugung in den Vereinigten Staaten (siehe Grafik unten). Mit billigem Strom und rasch wachsender Kapazität ist China nicht nur bei der Roboterisierung im Vorteil, sondern auch beim Rennen um stromfressende Datencenter für Künstliche Intelligenz.

  3. Die Sparquote der Chinesen ist sehr hoch und das Land verfügt über inländisches Kapital im Überfluss zur Finanzierung all der Wachstumsinvestitionen. Entsprechend sind die Zinsen in China auch seit einiger Zeit tiefer als in westlichen Ländern. Der Leitzins liegt aktuell bei 1.5%, die Zinsen 10jähriger Staatsanleihen stehen bei 1.8%.
Stromproduktion
Die Balken zeigen den jährlichen Zuwachs an Stromerzeugungskapazität in China (grün) und den USA (blau). Der letztjährige Zuwachs in China von 426 Gigawatt ist mehr als die gesamte Stromkapazität Deutschlands. (Quelle: Jefferies)

Auch wenn das Reich der Mitte mittelfristig vor gewaltigen demographischen Problemen steht (siehe Die Folgen der Entvölkerung), dürfte sich an diesen drei Gründen für Chinas beherrschende Stellung in der Industrialisierung so bald nichts ändern. Ebenso berechtigt ist die Kritik, dass es sich bei vielen staatlich gelenkten Investitionen in China um gewaltige Fehlallokationen von Kapital auf Kosten der chinesischen Sparer handelt. Doch dies ändert wenig an der Tatsache, dass China bereits heute weite Teile der globalen Industrie beherrscht und auf absehbare Zeit weiter dominieren wird.

Militärische Implikationen

Die Dominanz Chinas in der Massenproduktion verschiebt auch das globale Kräftegleichgewicht. Im Ukrainekrieg wird das Schlachtfeld von Millionen von Mini-Drohnen kontrolliert, welche die Frontlinie zu einer transparenten 40 Kilometer breiten Todeszone machen, in der kein Panzer und keine grössere Truppenansammlung überlebt. Lieferant der Drohnen und Baukomponenten wie Elektromotoren und Batterien ist für beide Seiten China. Während die Volksrepublik bei traditionellen kriegsrelevanten Industrien wie dem Bau von Schiffstonnage den Vereinigten Staaten inzwischen mehr als hundertfach überlegen ist, beläuft sich die Überlegenheit beim Bau von Minidrohnen derzeit auf das Millionenfache.


Ein Krieg gegen die Roboter-Supermacht China erscheint damit zunehmend ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Ähnlich wie die USA im Zweiten Weltkrieg dank ihrer allen anderen Staaten weit überlegenen Industrieproduktion das sprichwörtliche «Arsenal der Demokratie» waren, ist nun China in den Augen des Historikers Niall Ferguson zum «Arsenal der Autokratie» geworden.

Auch in den Hallen des Pentagons scheint man der neuen, unangenehmen Realität langsam ins Auge zu schauen. Der strategische Fokus wird wieder mehr auf Amerika gelegt und eine militärische Konfrontation mit China um Taiwan wird weniger forciert als noch unter der Biden-Regierung.

Dies verringert wohl die Gefahr eines globalen Krieges der Supermächte und ihrer Verbündeten. Gleichzeitig wächst damit aber die Wahrscheinlichkeit, dass China und andere autokratische Regimes ihre Interessen lokal mit Gewalt durchsetzen. Die Abwägung zwischen Konfrontation und «Appeasement» ist aus Sicht des Westens ungemütlicher geworden – vor allem, weil die andere Seite nun über das grössere Arsenal im Rücken verfügt.

Konklusion für Investoren

Die weitreichenden Auswirkungen der chinesischen Dominanz in der roboterisierten Industrieproduktion zeigt sich derzeit am eindrücklichsten in der Automobilindustrie. Doch auch Hersteller von Baumaschinen, Traktoren, Kraftwerken oder eben Robotern kommen zunehmend unter Druck durch chinesische Konkurrenz. Dies sind keine guten Aussichten für europäische und japanische Industriefirmen, welche traditionell in diesem mittleren Fertigungssegment stark waren. Bald dürfte das Reich der Mitte auch in High-Tech-Bereichen wie Computerchips und der damit verbundenen Künstlichen Intelligenz eine Vormachtstellung erringen. «China wird das KI-Wettrennen gewinnen», meinte kürzlich kein geringerer als Nvidia-CEO Jenson Huang.

Der naheliegende Schluss, einfach chinesische Industrieaktien zu kaufen, funktioniert aber auch nicht so einfach. Durch die hohen Investitionsquoten und die starke Konkurrenz verdienen die wenigsten chinesischen Firmen wirklich Geld für ihre Aktionäre.

So gibt es derzeit mehr als 100 chinesische Hersteller von Elektroautos. Die meisten haben Null Chance, je freie Cashflows oder akzeptable Kapitalrenditen zu erwirtschaften. Der chinesische Aktienmarkt hat langfristig eine miserable Rendite gebracht, trotz des starken Wachstums des Landes. “Wenn China den Raum betritt, gehen die Profite raus», bringt es Louis-Vincent Gave von GaveKal-Research auf den Punkt.

Der Trick besteht also eher darin, Branchen mit starker chinesischer Konkurrenz zu vermeiden und sich auf Hersteller von Produkten zu fokussieren, in welchen das Reich der Mitte keine grosse Rolle spielt oder welche die Chinesen selbst benötigen.

Aktien von Konsum- und Luxusgüterfirmen, Pharmazeutika oder Rohstoffproduzenten haben in unseren Augen wesentlich bessere Chancen, im Wettkampf mit China zu überleben als traditionelle Industriefirmen.

Themen

  • Anlagestrategie
  • Länder

Das könnte dich auch interessieren


Fussball und Anlegen: Warum die besten Spieler selten die teuersten sind

Peter Zeier

09.07.2026 • 4 Min.

Die WM 2026 in Amerika ist in vollem Gange! Millionen Menschen tippen, fiebern, analysieren. Und plötzlich fragt man sich: Lässt sich Fussball auch auf die eigene Finanzstrategie übertragen? Die Antwort lautet: ja.

Artikel lesen

Webinar - The Great Shift

Livio Arpagaus

24.06.2026

Peter Frech und Livio Arpagaus geben im Webinar "The Great Shift" ein Update zur Quantex Anlagestrategie und beantworten ausführlich die Fragen der Teilnehmer.

Artikel lesen

Freche Meinung

Peter Frech

18.06.2026

Die Giga-Börsengänge von SpaceX, Anthropic und OpenAI zeigen, wie das Endspiel für das passive Investieren effektiv aussehen wird: Firmen werden am Privatmarkt künstlich auf eine gigantische Kapitalisierung aufgepumpt und dann wird bei den Indexinvestoren abkassiert...

Artikel lesen
Abonniere unseren Newsletter